Das Dings hat keinen konkreten Arbeitstitel…war mal eine 20-Minuten-Arbeit für einen kleinen Schreibwettbewerb. Vielleicht schreib ich ihn mal “slambar” um. Dafür müsst ich ein paar Sätze aufdröseln, ein paar Sachen prägnanter machen und das Ganze ein wenig raffen. Beim letzten Versuch hab ich, glaube ich, sechs Minuten für den Vortrag gebraucht. Das ist noch zu viieeel. Zu mal ich da schnell gelesen hab.

Ich gehe durch die Straßen, das Dunkeldämmerlicht der Straßenlaternen flackert und die düsteren Wohnzimmer-Stehlampen von IKEA, welche durch die ungeputzten Scheiben und durch schwere Vorhänge auf die Gassen meiner Stadt strahlen, geben mir ein merkwürdiges Gefühl zwischen Behaglichkeit durch Zivilisation, städtische Schönheit und den Hass auf das ewigwährende, nie wandelnde Spießertum. Irgendwo da schwebe ich wohl, wenn du dir das vorstellen kannst; zwischen der süßen Vorstadtromantik, Zärtlichkeit zwischen Beton, auf Hochhausdächern liegend, das Stimmen- und Lichtgewusel der narkotisierten Bevölkerung unter einem einerseits und andererseits dem Wunsch diese Bevölkerung zu zerschlagen, die Ordnung aufzulösen, befreit destruktive, misanthrope, zeitenumbrechende Zitate zu brüllen “Nur die Knarre löst die Starre”, “Some men just want to watch the world burn”, “Ich bin Jack’s stinkwütender Gallengang…”. Ich schlender weiter, meine Kapuze tief ins Gesicht gezogen, ein paar Strähnen fallen mir über die Augen, über dem dunklen Kapuzenpulli trag ich ein altes Sakko, habe es von meinem Vater “geerbt”, es ist älter als ich, grau, abgetragen, wunderbar. Ich habe es mit ein paar Buttons verziert. Nicht weil es in ist, sondern weil sie anderen zeigen, wer und was ich bin, weil sie meist ja doch zu faul sind es herauszufinden. Das Sakko verstrahlt ein wohliges Gefühl von Nostalgie und Umbruch, paradox. Darunter trag ich ein altes Shirt meiner Lieblingsband. Ich brauche keine T-Shirts auf denen steht, was ich gerne wäre, wofür mich alle halten sollen. T-Shirt-Sprüche sind keine Autobiographie – “Der Mann – Die Legende” – schlichte Projektion des eigenen erwünschten Selbstbildes, Geißel der Zeit, wo die Ansprüche an den Einzelnen durch Idealismus auf ein unerreichbares Level gebracht werden. Ich will es zerschlagen. Ich balle meine Faust, ich trage schwarze Fingerhandschuhe.
In meiner dunkelgrauen “Kampftasche” (wie praktisch…wie unglaublich praktisch) befindet sich mein Terminplaner, ich hass’ es, dass ich ihn brauche. Und eine Flasche Wassser, ich liebe es, dass ich es brauche; es ist so klar, es ist so urtümlich, so nah an mir. Zu wieviel Prozent besteh ich aus Wasser? Ich könnt wettten, es wären mehr als siebzig gewesen. Die Tasche hab ich mit noch mehr Buttons verziert. Sie sind alle sehr nah an dem, was ich bin, nicht an dem, was ich gerne wär. Hoffe ich.
Die Sonne geht endgültig unter, brennt sich rot durch die Glasfassaden des Hochhaus, welchem ich gegenüber steh, wirft Sepiaschatten auf meine Schritte, mir entgegen. Man hört Autos an mir vorbeischlendern, Innenstadt, Seitenstraße, die Zeit vergeht hier langsasmer. Ich summe.
Die Gedanken sind frei
wer kann sie erraten?
Sie fliehen vorbei
wie nächtliche Schatten.
Ich wünsche mir, das Feuer zu sein, welches diesen Aktenberg verzehrt, die reinigende Flamme in diesem Moloch der menschenfremden Arbeit. Ich will wecken.
Und gleichzeitig erreicht mich mit dem explodierenden Abendrot wieder dieses andere Gefühl. Der Parasit in meinem Kopf. Die seichte Alternativ-Romantik. Urbane Phantasien, ich lege mich auf dem Rücken auf die Straße, sie ist ganz warm, spür ich an meinem Nacken und an meinen Fingerkuppen und langsam auch über den ganzen Rücken.
Autos fahren an mir vorbei, sie hupen, machen Bögen um mich.
Diese verdammte Welt scheint auch zu funktionieren, wenn ich mich querstelle. Ich schließe die Augen und wenn ich sie nach Seelenstunden wieder öffne, lieg ich immernoch hier, betrachte nun die Sterne – mitten in der Stadt, direkt über mir. Das Bild wird aber verzerrt. Leide ich nun neben meinem latenten Größenwahn auch noch an Sinnesverwirrung? Nein…Pustefix. Seifenblasen erheben sich über meinem Gesicht fliegen mir auf die Nasenspitze, zerplatzen. Mein Gesicht wird von einer dünnen Schicht Seifenlauge überzogen. Ich schmecke den seifigen Geschmack auf meinen Lippen und genieße die Jubelrufe meiner Kindheit in meinem Kopf. Es ist fast wie ein Kuss.
Ich erhebe mich, nehme einen Schluck aus der Wasserflasche und all der Weltenzorn ist für einen Moment aus meinen Adern verschwunden, wenn ich die Bürohölle vor mir sehe, die sich feist, gegläsert und solide wie eine Maxime in den Himmel streckt und die Luft zu zerren scheint.
Ich gehe bedächtig auf sie zu, ziehe meine Kapuze noch tiefer ins Gesicht, ziehe das Sakko aus, wickel es um meine Hand und öffne mit einem beherzten Hieb mit meiner Faust die Pforte. Ich trete ein. Der Alarm heißt mich willkommen. In ein paar Minuten wird wohl die Gewalt eintreffen. Ich schlender ins Treppenhaus und gehe Stockwerk für Stockerk die Stufen hoch – Zehn Minuten werde ich haben. Ich komme oben an und träume über die ganze Stadt hinweg, mein Blick streift über die Irrlichter und Schemen, die sich dort unten bewegen; ich zieh das bequeme Sakko wieder an, nachdem ich die Spießerscherben herausgeklopft hab, ich mag es. Ich lege meine Tasche ab, stelle mich in die Mitte des Hochhausdachs und hebe die Pustefix-Flasche in Bärenform auf, die vor meinen Füßen majestätisch auf einem Lüftungsschacht thront, der tagsüber den stinkenden Beamtenschweiß aus diesem Dämon pumpt. Das Martinshorn quält sich um die Straßenecke. Auf dem Dach und im Treppenhaus waren Kameras, sie wissen wo ich bin, es ist mir egal. Ich puste flirrende Seifenblasen in das Halbdunkel der lauen Spätsommernacht. Hinter mir hör ich die Tür des Treppenhauses aufschlagen. Zwei Uniformierte brüllen Befehle. Ich spreche unsere Muttersprache nicht mehr, wie soll ich sie da verstehen? Ich steh nach wie vor mit dem Rücken zu ihnen und sie scheinen nervös zu werden, wie ich der kakophonen Melodie ihrer Stimmen zu entnehmen vermag. Ich höre das Klicken, wie sie ihre Waffen entsichern, mit knirschendem Schritt durch den Kies, der das Dach des Molochs bedeckt, kommen sie näher. Ich höre wie die Bediensteten meine Tasche wegtreten, es ist eine Wasserflasche, keine bekackte Handgranate drin. Eine schwitzige Hand umgreift mein Handgelenk, reißt es mir auf den Rücken, eine andere Hand haut mir den Pustefixbären aus der rechten Hand, meine Hand auf dem Rücken gepresst, lässt den Pustering in den kalten Kies fallen. Die Traumseife vergießt sich über die Kiesel und färbt sie dunkel. Fast wie Blut. Naja, ein bisschen, denk ich mir. Sie drücken mich auf den Boden. Meine Wange ist nun im Kies, der andere Beamte kickt den Bären weg. Das ist auch keine verkackte Granate. In meinem Kopf singt Rio Reiser. Ich grinse.
Die Beamten durchsuchen mich forsch und fragen mich Dinge, die ich doch eh nicht verstehe – Jungs, ich spreche eure Sprache nicht mehr. Sie finden Kinokarten, Musik auf einem mp3-Player, meinen Schlüsselbund mit dem kleinen Plüschhund, den ich zum Führerschein geschenkt bekommen habe. Meine Brille zerkratzt und verbiegt sich, weil mein Kopf auf den kalten Boden gedrückt wird. Als man mich meines Besitzes entledigt hat klicken die eisernen Fesseln, sie sitzen zu eng, links. Die rechte hat zu viel Platz. Unfähige Idioten, wenn ihr wüsstet, was Leben bedeutet.
Ich werde durch den Darm des Hauses wieder nach unten gebracht und durch meinen eigenen Durchbruch hinausgezerrt und reiße mir die Wange an einer Scheibe auf, die ich dort eben zerbrochen habe. Mein Blut hinterlass ich euch in diesem Gebäude. Wir gehen in Richtung des einzigen Autos weit und breit. Es ist grün. Und weiß. Es leuchtet blau. Wie hässlich. Wer denkt sich sowas aus?
Oh, die Fesslung sitzt noch lockerer als erwartet. Ich kann die rechte Hand lösen, meine Arme sind faktisch wieder frei. Und wenn es mir die Guillotine bringt, besser das Fallbeil als nur fallen….Ich stoße mich vom Beamten ab und renne ein paar Schritt nach vorne. Ich schließe die Augen, breite die Arme aus und schau ob die warme Septemberluft mich trägt…