Wie trügerisch falsch die Welt in Anachronismen schimmert, die wir für seichte, herzerweichende Nostalgie halten. Der “Spirit” der guten alten Zeiten, die sanftwogenden Erinnerungen an stürmischere Zeiten. Wir klammern uns fest an das, was uns richtig erschien, damals. Als würde es heute noch was für uns bedeuten. Als hätte es Sinn. Doch wir klammern nicht nur, wir extrapolieren Emotionen, Gedanken, Bilder bis zur bizarren Unkenntlichkeit der melancholisch-bittersüßen Sehnsucht. Sepiatöne verschwommener Abende, Musik, Töne, Rufe. Singen bis spät in die Nacht. Doch ist es das wofür ich lebe? Wenn ich nicht jetzt lebe, wann denn dann?

Schrieb ich selbst. Am 16.11.2006, also vor fast 3 Jahren. Ganz schön schwermütig für einen 19-Jährigen oder vielleicht auch gerade deshalb passend. Damals, wie auch heute (also..gleich..in diesem Eintrag!) beziehe ich mich dabei auf einen ganz speziellen Ort.

Jeder dürfte solch einen Ort kennen. In irgendeiner Form. Unserer hat bis heute Bestehen, wie sich erst Halloween ’09 wieder zeigte. Manch einer weiß sicher nun schon, wovon ich spreche. Mein Kindergartenfreund und – wenn man so will – Begleiter auf meinem bisherigen Lebensweg (zumindest den Teil, an den ich mich erinnern kann) Patrick wohnt auf einem Tempel. Zwei Stockwerke unter seinem Bett liegt der Inbegriff des Feierns, wie ihn meine Jugend definierte. Die Kellerbar in meinem Heimatort.
Hier erlebte ich Alles. Meinen ersten Kuss, die erste Alkoholleiche, die vom Krankenwagen abgeholt werden musste, lange Abende mit ewigen Diskussionen. Pubertäres Gefühlschaos, meistens gings um Frauen, die auf den ersten Partys gnadenlos unterrepräsentiert waren. Aber auch erste aufkeimende Ernsthaftigkeiten, wie eine fünfstündige Diskussion mit Joel über die Variablität des Kunstbegriffes. Und Tanzen, tanzen und vor allem Singen. Und Trinken, seien wir mal ehrlich – auch wenn Jobscouts das hier lesen, weil mein Auftraggeber meint, mein Privatleben würde ihn was angehen, ja ich trank dort Alkohol. Junge, Junge!

Und ich liebe es, mich daran zu erinnern, wie ich – in meiner eigenen Rauschzuckerwatte eingehüllt – auf der Tanzfläche stehe. Mit 2-3 anderen halbstarken Volltrunkenen, starken Halbtrunkenen. Wir tanzen. Naja unsere Beine und Arme bewegen sich. Und die Köpfe bangen zum Takt der dröhnenden Bässe. Oder sind Offbeat. Je nach dem, wie weit der Abend schon fortgeschritten ist. Nur noch die Harten sind da. Oder die Verzweifelten. Die, die nicht mehr fahren können (oder damals noch gar nicht konnten), die Nacht auf einer Eckbank oder einem Schlafsofa verbringen werden oder wie ich, nur ein paar Minuten zu Fuß nach hause laufen. Zwei Lieder, von Grund auf verschieden, prägen solch eine Situation:
Möglichkeit 1) Tenacious D – Tribute
Munki und ich performen das Video. Phrasen- und vor allem wortgetreu. We are but men – rock! Mehr kann man dazu nicht sagen.
Möglichkeit 2) The Offspring – Self-Esteem
Und wie ich es liebe. Man singt sich den Frust von der Seele. Es ist gewissermaßen Oldschool und dennoch meine Jugend. Es ist dieser verdammte Spirit, den ich vor 3 Jahren schon meinte. Es sind diese dumpfen Gespräche im Hinterkopf, das flaue Gefühl und der Hals der Flasche in deiner Hand. Die 4 Typen die da mit dir stehen und mitsingen und das Gefühl unbesiegbar und gleichzeitig so verletzlich/verletzt zu sein. Niemand kann dir was in dem Moment. Die Lichter um dich herum flackern in bunten Farben, die Discokugel rotiert still und erbarmungslos und die ganze Welt zieht Schlieren, wie eine Kamera mit viel zu langer Belichtungszeit.

Da irgendwo, ja da liegt sie, meine Jugend. Ich bin ein ziemlicher Kindskopf, aber ich weiß, dass sie hinter mir liegt und ich glaube, dass es ein gutes Gefühl ist.