Ein Siegener Student schreibt über den ÖPNV. Das kann ja nur in überfüllten Bussen, die viel zu selten kommen, enden. Aber nein, es geht tatsächlich mal nicht um die – nennen wir sie “verbesserungswürdige” – Logistik der Linien 111 und 121 der VWS-AG. Es geht um Kundenservice. Um Freundlichkeit. Um Angemessenheit. Und irgendwie geht es auch um Zivilcourage und Werte.

Heute Mittag hatte ich einen Klausurtermin. Um pünktlich vor Ort zu sein, nahm ich einen Bus, der planmäßig eine halbe Stunde vor Beginn der Klausur an der Uni ankommen sollte. Er sollte durchfahren, kein Umsteigen. Alles gefahrlos. Gut durchgeplant, manchmal kann man mir fast Organisation vorwerfen. Ich war sogar 10 Minuten zu früh an der Bushaltestelle. Was weniger Glück als Unglück war – bei den vorherrschenden Temperaturen. Irgendwann kam dann auch ein Bus und mit dem Bus sah ich auch schon das drohende Unheil mit 8km/h auf mich zu donnern. Mein Lieblingsbusfahrer, es folgt ein Einschub:

Wenn man in Siegen Bus fährt, gibt es ein paar ungeschriebene Gesetze. Will Otto Normalbürger nach Weidenau, dann nimmt er die R10. Mit der fahren Schüler, Opas, Berufstätige, Fixer, Perverse, Beamte, Omis und Mamas mit Kindern. Alle halt. Außer: Studenten. Die fahren mit der L111 vom ZOB (Zentraler Omnibus Bahnhof) bis nach Weidenau; wenn sie Glück haben, sogar “durch”, also ohne Umsteigen am Bahnhof in Weidenau (in eine andere L111 oder eine L121), direkt zu den verschiedenen Campus der Universität. Als Normalbürger fährt man für gewöhnlich nicht damit, weil die R10 eh öfter kommt und lange nicht so überfüllt ist. Ist halt so eine ungeschriebene Einigung, dafür warten die meisten Studenten auch brav immer auf ihre hundertelf. Das hat natürlich im Umkehrschluss auch den Effekt, dass in der 111 zu 95% Studenten sitzen. Alle Studierenden der Universität Siegen haben ein Semesterticket für den gesamten ÖPNV in Nordrhein-Westfalen. Können also zu jedem Zeitpunkt umsonst fahren.
Wenn ich also total verpennt, obwohl es schon nach 11 Uhr ist, unrasiert, mit Gammelklamotten und einem Rucksack in Siegen in eine 111 steige, was bin ich dann? Richtig. Was hab ich dann? Richtig. Was muss ich also bezahlen? Richtig. Daher haben sich alle Busfahrer daran gewöhnt – und weil es eh für alle schneller und bequemer ist – auch alle Studenten, dass man in der L111/121 einfach keine Fahrkarten mehr zeigt. Wieso auch, wenn 200 Leute in einen 80-Plätze-Omnibus drängen. Passt ja eh kein Kontrolleur mit rein und schwarzfahren tut da niemand freiwillig. Nunja, aber es gibt eben diesen einen Busfahrer. Er besteht darauf, dass man brav die Karte zeigt. Ist zwar unnütz, aber ich tu den Menschen ja gerne Gefallen, wenn es ihnen hilft. Also hab ich mir angewöhnt, wenn ich sein Gesicht hinter der Klapptür sehe, meine Hand zur rechten Gesäßtasche zu bewegen, mein Portemonaie aufzuklappen und das hässliche Logo der Uni Siegen zu präsentieren.
Gelernt hab ich dieses kleine Kunststück allerdings auf die harte Tour. Als ich noch nichts von seinen Präferenzen wusste, trottete ich halt – mit Kopfhörern im Ohr – in den Bus, geistig eigentlich noch in meinem warmen Bettchen.  An seinem hochrotem Kopf und seiner zornigen Miene und nicht zuletzt daran, dass sein Mund sich hektisch bewegt, merke ich allerdings, dass er mir was mitteilen will. Hab ich keine Hose an? Dann wär ich an seiner Stelle auch sauer. Runtergucken. Check, Hose ist da. Also mal die Stöpperser ausm Gehörgang nehmen.

“Ja, Nimm mal die Teile da raus, das hilft vielleicht mal, damit de überhaupt noch irgendwas merkst.”
“Äh?”
“Raus hier, wenn de keine Fahrkarte hast”
“Äh..”
“Guck nich so. Raus hier oder Fahrkarte”
“Ich..bin Student”
“Ausweis?”
“hier?”
“Warum nich direkt so? Bist verpflichtet!”
“Ich wünsche IHNEN auch noch einen schönen Tag.” (Das mach ich immer gern. Die Botschaft kam auch an.)

Einschub Ende. Ich zeige also mit einem süffisanten Grinsen meine Fahrkarte vor. Setze mich in den Bus. Wir fahren auch direkt los. Und es geschieht….was alltägliches. Jemandes Bus/Bahn kam einen Moment später als geplant und die Person winkt dem Busfahrer, der seinen Bus schon ganze 3 Meter bewegt hat, damit dieser anhält und ihn kurz rein lässt. Der Busfahrer bremst tatsächlich. Lacht. Und fährt wieder an. Ich horche auf und betrachte die Situation genauer. Der Student draußen klopft an die Tür, in der Hoffnung, dass der Busfahrer ihn vielleicht nur nicht bemerkt hat. Er hält wieder kurz an. Der Fahrer dreht sich zu dem jungen Mann, grinst, winkt und ruft originalgetreu “Naja, man sieht sich immer zwei Mal im Leben”. Und fährt los. Der wütende Student steht also da, haut nochmal gegen die Tür und macht einen winzigen, aber allzu menschlichen Fehler.
fluchen 300 stinkefinger dp Ein Hoch auf unsren Busfahrer
Wir fahren also los. Ab hier muss man sich etwas mit der Route auskennen. Grob kann man es sich vorstellen, dass man vom ZOB aus einen Bogen über zwei Bushaltestellen fährt, bevor die eigentliche Route beginnt. Wichtig hierbei ist, dass die beiden vom ZOB aus sehr bequem zu Fuß erreichen sind, macht aber keiner, da der Bus meist am ZOB schon so voll wird, dass man keinen Sitzplatz mehr bekommt. Kölner Tor passiert dann das, worauf ich insgeheim ein wenig hoffte. Der Kopf des Busfahrers wird zornesrot. Denn dort steht ein junger Student, der mit den Worten “Man sieht sich immer zwei Mal im Leben” den Bus betritt und sein Studententicket vorzeigt. Episch. Ich muss kurz lachen und bin froh, dass diese unnötige Sache aufgeklärt ist. Denn mal ganz ehrlich? So ein unverschämtes Verhalten hätte ich auch nicht geduldet. Der Bus war ja noch keine 5 Meter gefahren und es war sogar noch planmäßige Abfahrzeit, als der Student winkte. Naja, leider eskaliert die Situation schneller, als ich “Ein Hoch auf unsren Busfahrer” sagen kann. Denn dieser steht auf, brüllt “Hausfriedensbruch. Ich erteile Ihnen Hausverbot! Verschwinden Sie hier sofort!”. Der Student geht einfach weiter und setzt sich hin. Denn leider befinden wir uns in der Vorlesungsfreien Zeit. Da fahren noch weniger Busse als sonst schon. Tja, und es kommt, was nicht hätte kommen müssen. Wir kommen auf dem Weg zur Uni an einer Polizeizentrale vorbei. Da warten schon drei Beamte, die den Bus besteigen und sich erkundigen, worum es geht. Als die drei mit dem Busfahrer an meinem Platz vorbeigehen, platzt es aus mir raus “Wie kann man sich nur so lächerlich machen?” und zack hab ich die ganze Aufmerksamkeit.

Verdammte Studenten, dass die aber auch alle langhaarig und bärtig sein müssen.

“Das ist er”
“Nein bin ich nicht.”
“Klar, du hast mich beleidigt”
“Ich war das nicht. Ich sag hier nur meine Meinung…”

In dem Moment kommen mir auch ein paar Mitfahrer zur Hilfe. Wobei mir gerade einfällt, warum duzt er mich eigentlich konsequent und siezt den anderen? Naja, was solls. Die Staatsdiener hingegen suchen sich den Übeltäter raus und bringen ihn aus dem Bus. Tolle Sache. Ich klopf ihm noch auf die Schulter und wünsche ihm “Viel Erfolg”. Ich ärgere mich die gesamte weitere Busfahrt über dieses willkürliche und unfaire Verhalten. Machtkomplexe müssen was Schlimmes sein.

Ich sitze endlich in meiner Klausur. Schon seit 10 Minuten, es hat aber noch nicht begonnen (ich war auch vorher noch in der Mensa), da kommt ein bärtiger Student mit langen Haaren um die Ecke. Ich nicke ihm zu und er kommt zu mir.

“Und?”
“Naja, Anzeige.”
“Scheiße..”
“Kannste nix machen..”
“Beschwerste dich bei der VWS?”
“Ich glaub das wird nicht viel was bringen..”
- Smalltalk -
“Naja..jetzt Klausur”
“Jau..”
“Viel Erfolg”
“Dir auch.”

Tja. Und wie soll ich die Situation bewerten? Er hat Hausfriedensbruch begangen. Und ihn de facto auch beleidigt. Und rein rechtlich ist der Busfahrer absolut im Recht. Und trotzdem bleibt dieser fade Beigeschmack. Diese ekelhafte Art. Diese Willkür und die absolute Abwesenheit von Notwendigkeit, was dieser Fahrer der VWS-AG an den Tag legte. Warum kann man nicht kurz halten, wenn jemand schnell zusteigen muss? In einer Zeit, in der sowieso schon weniger Busse fahren. Und in der die Klausuren an der Universität geschrieben werden. Sind wir nicht auch zahlende Kunden? Jeder Student zahlt pro Semester 74,65€ für sein Semesterticket. Bei 14.000 Studenten sind das 1.045.100€, also knapp 2 Millionen Euro im Jahr. Ich kenn mich mit BWL nicht so gut aus, aber ich find den Betrag nicht unbeachtlich. Kann ich dafür nicht erwarten, dass Busfahrer mich wenigstens einigermaßen freundlich behandeln? Dass ich nicht verarscht werde (auch mir ist ein Bus schon so dreist vor der Nase weggefahren)? Dass ich tatsächlich wie ein Kunde eines Dienstleistungsunternehmen behandelt werde? Dass ich nicht in die notorische Machtausübung eines Busfahrers gezerrt werde, der unglaublich gerne Leute niedermacht, die nicht nach seiner Pfeife tanzen?

Ich bin tatsächlich sehr verärgert.

Nachtrag: Die Polizei wurde übrigens während der Fahrt mit einem Handy gerufen ;)