Manchmal glaube ich, dass ich zu langsam bin, von den Schnecken des Alltags bekomme ich Fersengeld und Staub zu schlucken. Nicht weil ich mich in Zeitlupe beweg oder unentwegt unüberlegt auf meine Füße starr und vom Fallen träume. Natürlich tu ich das, aber das tut Nichts zur Sache, denn selbst wenn ich es nicht tu, am Puls der Zeit liege, horche, mitrenne, hechle, hetze: Ich komme nicht hinterher.

Und das ist ein Problem. Denn die Zeit hält nicht für dich an, du kannst sie nicht in Konserven packen, abpacken, verpacken; wegpacken geht, aber wenn du sie dann raus holst, sie nochmal betrachtest, gehst du ein unüberblickbares Risiko ein; man verpasst die Welt, wenn man sie in Scheiben betrachtet, die alten Scheiben betrachtet, die alten Scheiben auflegt und neu abmischt und zum Sound der alten Tage chillt und sich zisch, klick, zisch zweidreivier Bier öffnet und mal guckt, wo man denn vor einem Jahr stand. Es führt unweigerlich, ihr merkt es schon, ich schreib schon so hektisch. Also ihr müsst das alles schnell lesen, damit der Effekt auch wirklich, was ich sagen will ist, dass man ja nicht einfach mal stehen bleiben, bewundern “Ouh wie geil das war”-sagen kann, ohne dass man sich nicht sicher sein kann, dass man die nächsten 15 “fuck das werd ich nie vergessen” total verpennt. Das Leben legt ein Tempo vor, dass es nur so.

Angenommen ich stehe morgens auf, ich geh zur Uni, damit mal was aus mir wird. Ich mag den Satz nicht, weil ich glaube, dass ich schon ganz schön was bin. Aber gehen wir von der Prämisse aus, dass was aus mir werden soll, zu diesem Zweck besuch ich eine akademische Anstalt. Ich werde, wenn Alles einigermaßen glatt läuft, in zwei Jahren meinen ersten akademischen Grad bekommen, einen Junggesellen der Kunst. Wenn ich also gegen Abend meine Hochschule verlasse, im Zeitraffer drei Vorlesungen erlebt habe, die mich mit Input befüllten, dass mein Kopf mir schwer wie Blei an der kalten Glasscheibe des Busses klebt und sich die ausgeatmete Luft wissensgeschwängert auf eben jenem Stück Glas niederlegt, das mich von der kalten Fahrtluft trennt, dann tu ich das in dem Gedanken, dass ich mich an meinen PC setzen werde, wenn ich nach Hause komme. Um mit InDesign, Photoshop und diversen anderen Programme recht kurzweilig meinen Lebensunterhalt zu verdienen. Ich setze also ein paar Broschüren und muss den nächsten Monat nicht Hunger darben. Aber was ist passiert, wenn es draußen inzwischen 03:00-05:00 ist. Es gibt tausend neue Menschenleben, zigtausend neue Lieder, irgendwo sind neue Filme entstanden oder jemand starb einen friedlichen Tod, es haben Menschen wieder zueinander gefunden, es kamen die tollsten Sachen im TV und im Radio. Und im Internet verpass ich grad den neusten Mem.

Ich hätte auch meiner wundervollen Freundin zusehen können, wie sie langsam in meinen Armen einschläft und dabei dieses niedliche Zucken ihr Lächeln umspielt oder mit meinen Freunden eine Runde Billard spielen können. Mit meiner Familie ein gemütliches Abendessen verbringen. Am besten einfach alles. Gleichzeitig. Synchrones Empfinden, Erleben, Spüren, Leben. Auf allen Kanälen. Ich will alles mitbekommen. Für jeden da sein. Ich will, dass diese verdammte Relativitätstheorie dafür sorgt, dass meine Zeit so langsam vergeht, dass ich auf jeder Hochzeit verfluchtnochmal tanzen, trinken, kotzen, randalieren, lachen und feiern kann. Und wenn ich dafür meinen räudigen Körper auf 0,9c beschleunigen muss. Seis halt so. Ich lass mich von dieser Zeit doch nicht verarschen!

Dieser Text sei Allen gewidmet, denen ich in letzter Zeit zu wenig eben davon schenkte.