Chris: Dieser Text entstand während Julias Praktikum beim Polaroidmedchen. Wenn er euch gefällt, dann sagt das bitte. Wenn nicht, dann haltet euch mit eurem Unmut nicht zurück. Vielleicht schreibt diese Praktikantin bald öfters hier.

Was auf den ersten Blick so befremdend klingen mag, hat sich mittlerweile – zumindest gefühlt – in den Sprachgebrauch der Abiturienten von heute & von morgen und derer, die das ganze schon hinter sich haben, eingebürgert.

Aber was steckt eigentlich hinter dem Phänomen Prokrastination?

Mein Fremdwörterbuch ist überfragt, der Duden auch. Sie sind einfach zu 2001. Darf ich daraus schließen, dass Prokrastination erst eine Entwicklung, möglicherweise eine Erfindung des vergangenen Jahrzehnts ist? Unserer Gesellschaft, die mit jedem Tag ein bisschen mehr virtuell wird? Allein die Entwicklung der Medien in den vergangenen Jahren hat nicht selten Prognosen und Erwartungswerte überstiegen – und zu irgendwas muss diese Entwicklung schließlich auch geführt haben. Vielleicht zur Prokrastination?

Ob Nachschlagwerke den gewünschten Erfolg bereit halten? Normalerweise müsste dem ja so sein, denn auf die alteingesessenen Printmedien ist ja immer Verlass. Obwohl – über die Aktualität der Printmedien lässt sich streiten, aber wenigstens kommt mir dann nicht meine eigenwillige WLAN-Verbindung in die Quere. Aber auch mein Nachschlagewerk, immerhin vier Jahre jünger als meine vorher zu Rat gezogenen Wörterbücher, ist bei der Suche nach Prokrastination überfordert. Bleibt als letzter Ausweg zur Klärung, was eigentlich Prokrastination ist, nur die Nutzung der Plattform überhaupt? Vermutlich habe ich keine andere – aber Moment, wieso habe ich nicht schon vorher daran gedacht? Aber wie das so ist, sieht man den Wald manchmal vor lauter Bäumen nicht. Vor mir steht ein Advanced Learner’s Dictionary. Vielleicht ist Prokrastination nichts anderes als ein aus dem englischen abgeleitetet ins Deutsche transferierte Wort?

Ich starte einen letzten Versuch, gestützt auf ein Printmedium.

Ok, beim Buchstabe P wären wir schonmal. Aber richtig sind wir hier auch noch nicht. Ein paar Seiten zurück, die Seite überfliegen und mit den Augen über den Begriff procrastinate mit dazugehöriger Definition stolpern und dann sticht es mir wie pinke Schrift bei Präsentationen ins Auge: procrastination, das zugehörige noun.
Also wieder ein zwei Zeilen hoch und die Definition oder eher die Worterklärung zu Gemüte führen: to delay doing sth that you should do, usually because you do not want to do it.

Also ist Prokrastination ganz einfach. Aufschub von Dingen, die man eigentlich tun müsste. Auf welche Weise auch immer. Vielleicht reizen die Medien eher dazu, sich ablenken zu lassen. Ist das der Grund, dass das Phänomen Prokrastination heute von aktuellerer Bedeutung ist als noch vor einigen Jahren? Darf und kann ich das ganze einfach pauschalisieren, in der Gleichung Anstieg der Medien = Prokrastinationszuwachs zusammenfassen, in eine Schublade stecken und damit ist das Thema erledigt?

Ah, mein Handy klingelt. Oh, der Akku ist fast leer. Wo liegt nochmal mein Ladegerät? Lädegerät, wo steckst du? Ok, diese Schublade ist es nicht. Vielleicht im Schrank? Nein, auch nicht. Unter’m Bett? Ah, da ist ja der Schuh, den ich schon seit Tagen suche. Wie kommt der bloß dahin? Und noch ein Arbeitsblatt, datiert 08. März 2010. Hättest du das nicht schon längst erledigen müssen? Hast Du Dir das nicht aufgeschrieben? Terminkalender rausholen. Mh. Ich kann die Datierung nicht finden. Dafür aber unleserlich irgendwelche Seitenzahlen, die bis Montag gelesen werden müssen. Mal schauen, ob jemand von meinem Kurs gerade online ist. WLAN-Verbindung aktivieren, ICQ starten, die Liste durchforsten. Ach, da ist ja jemand aus meinem – ah, eine neue Nachricht. Fragt, wie die Woche war. Wir vertiefen uns in einen Erlebnisaustausch. Die Zeiger der Uhr schreiten voran, natürlich unbemerkt, im Hinterkopf aber immer noch das Ladegerät, das man eigentlich suchen wollte. Aber irgendwie rafft man sich nicht dazu auf, es weiter zu suchen. Man könnte ja in der Konversation was verpassen, nicht schnell genug antworten, es könnte unhöflich wirken.

So schnell erfährt man am eigenen Körper, wie schnell man selbst von der Prokrastination ergriffen wird. Und wo die Internetverbindung sowieso schon aufgebaut ist, kann man ja auch mal den freundlichen Herr Google nach Prokrastination ausfragen. Oder vielmehr der kreativen Umsetzung von Prokrastination. Prokrastination, verpackt in bewegten Bildern, bunten Farben.

Procrastination from Johnny Kelly on Vimeo.

Vier Minuten und 18 Sekunden später.

Der Zeiger meiner Uhr wandert weiter vor sich hin. Im Hintergrund läuft immer noch Coldplay. Eigentlich wollte ich doch nur ein Lied hören, weil mir der Text heute Nacht durch den Kopf gegangen ist. Eigentlich wollte ich schon seit einer Stunde dabei sein, meine beiden LK-Klausuren nächste Woche vorzubereiten. Eigentlich wollte ich diesen Artikel gar nicht schreiben, weil ich weiß, dass ihr eigentlich andere Dinge zu tun hättet, als diesen Artikel zu lesen.

Also mal ehrlich: Heute schon prokrastiniert?